Der VokalJäger

Der VokalJäger. Eine phonetisch-algorithmische Methode zur Vokaluntersuchung. Exemplarisch angewendet auf historische Tondokumente der Frankfurter Stadtmundart, erschienen in: Deutsche Dialektgeographie, Band 122). Carsten Keil, 2017, Buch, Hardcover gebunden, Format A4, XVI/513 S., mit zahlreichen Abb., Grafiken und Tabellen. ISBN: 978-3-487-15588-3. Georg Olms Verlag, Hildesheim. Dissertation (2016) am Fachbereich Germanistik und Kunstwissenschaften (FB09), Deutscher Sprachatlas, der Philipps-Universität Marburg.

Zusammenfassung

Der VokalJäger ist eine algorithmische Prozesskette zur automatisierten Klassifikation phonetischer Merkmale in monophthongischen Vokalen. Algorithmische Methoden aus der robusten Messphonetik und der mathematischen Klassifikationsalgorithmik bzw. dem Machine-Learning kommen zum Einsatz. Der VokalJäger wird auf eine hochdeutsche Referenz von zehntausend Vokalproben trainiert. Dann schätzt er automatisiert und ohne menschliche Intervention die statistische Verteilung des sogenannten gleitenden phonetischen Merkmals in Tonaufnahmen. So können phonetisch-phonologische Hypothesen quantitativ getestet werden, insbesondere ob Laute qualitativ zusammenfallen (Merger) oder getrennt bleiben. Damit ist der VokalJäger ein statistisches Werkzeug der historischen Dialektphonologie.

Im phonologischen Teil der Arbeit werden die vokalischen Kernphänomene des einstigen Frankfurter Stadtdialekts dargestellt - mit Schwerpunkt auf den A-Lauten. Die Untersuchung basiert zum einen auf bisher ungedruckten Quellen aus dem Frankfurter Institut für Stadtgeschichte. Dabei handelt es sich um die handschriftlichen Lautbelege Joseph Oppels und Ludwig Rauhs aus dem Fundus des Frankfurter Wörterbuchs. Zum anderen werden schwerpunktmäßig ausgewählte historische Tondokumente des Frankfurterischen mit dem VokalJäger untersucht, insbesondere die Frankfurter Aufnahme aus dem Lautdenkmal reichsdeutscher Mundarten von 1937 und neuere Aufnahmen aus dem Projekt Regionalsprache.de (REDE). Mit diesen einmaligen Daten ist es zum ersten Mal möglich, den Sprachwandel des Frankfurter Stadtdialekts über zweihundert Jahre in Real-Time phonetisch-phonologisch zu untersuchen.

Es zeigt sich, dass gerade Merger-Phänomene wesentlich sind: Einerseits fiel das altlange â klanglich mit dem Dehnungs-Aː in einem dunklen A zusammen - ganz unterschiedlich zum Zentralhessisch der Umgebung, das zwei getrennte Laute bewahrte. Andererseits ist das dunkle A im Neu-Frankfurterischen nicht mehr nachweisbar - es ist mit dem neutralen A verschmolzen. Abschließend zeigt sich ein Split bei den Vorderzungenvokalen, die nun als runde und ungerundete Laute die dialekttypische Entrundung auslösen.

Besprechungen und Zitationen

Em. Univ. Prof. Dr. Peter Wiesinger, Wien auf der Webseite des Olms-Weidmann Fachverlags:

Carsten Keil gelingt es durch die Verbindung von mathematisch-naturwissenschaftlichen und linguistisch-geisteswissenschaftlichen Möglichkeiten, Lautwandlungen im Frankfurter Stadtdialekt im Lauf der letzten 200 Jahre exakt aufzuzeigen. Von den umgebenden zentralhessischen Dialektverhältnissen stark abweichend, hat der Stadtdialekt eigene Wege beschritten, wozu insbesondere der Wandel des gedehnten a gehört. Mit dem VokalJäger, einer allgemein nutzbaren algorithmischen Prozesskette zur automatischen Merkmalsklassifikation, werden in Verbindung mit robuster Messphonetik und historischer Phonologie die Lautqualitäten exakt ermittelt und die daraus resultierenden Lautwandlungen in den sich verändernden Lautsystemen aufgezeigt. Auf diese Weise liefert der Autor durch Methodenkombination eine neue Ergebnisse bringende, aufschlussreiche Studie.

Pia Bergmann, in: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie 95 (2019), S. 267-271:

Es wird (…) deutlich, dass die Arbeit auch über die eigentliche Leistung der Entwicklung und exemplarischen Anwendung des Vokaljägers hinaus eine beeindruckende Fülle an Material versammelt, die alleine schon die Lektüre lohnt (…) Alles in allem liegt mit dem Buch eine Publikation vor, die - wie der Titel ja auch verrät - ihren deutlichen Schwerpunkt in den technischen und methodischen Aspekten des VokalJägers hat (…) Es sei dem Buch (…) und seiner zukünftigen Anwendung willen eine vielfache und gründliche Lektüre gewünscht.

Koloman Brenner, in: Zeitschrift für Deutsche Linguistik (ZDL), 2019/3, S. 357-359:

Die phonologische Systematik liefert in diesem Zusammen“hang besonders wertvolle Einblicke in die Entwicklung der Stadtsprache von Frankfurt. Wie die Ergebnisse der Studie zeigen, die im dritten Teil detailliert geschildert werden, kann anhand der untersuchten historischen Dokumente von 1825 bis 1945 eine langsame Entwicklung der Frankfurter Stadtsprache nachgewiesen, danach aber eine rapide Veränderung festgestellt werden. (...). Zusammenfassend reiht sich das Werk von Keil gut in eine doch immer größere Reihe von messphonetisch fundierten Arbeiten zu deutschen Dialekten ein.

Herrgen, Joachim und Lars Vorberger, in: Rheinfränkisch, erschienen in: Deutsch, Sprache und Raum, 2019, S. 504:

Eine aktuelle sprachdynamische Studie ist Keil (2017), der den Lautwandel in Frankfurt (Übergangsgebiet Zentralhessisch, Rheinfränkisch) untersucht. Hier liegt nun eine echt sprachdynamische Studie vor, indem verschiedene Zeitabschnitte vergleichbar gemacht und mit modernsten Methoden analysiert werden. Keil (2017) klassifiziert Laute dialektintendierter Sprachdaten mit einer phonetisch-algorithmischen Methode und kann empirisch nachweisen, dass die A-Verdumpfung in Frankfurt abgebaut wird.

Auszüge und Leseproben

Inhaltsverzeichnis 

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Kleines Historisches Aussprachewörterbuch des Frankfurterischen

Dieses Belegverzeichnis führt als kleines historisches Aussprachewörterbuch des Frankfurterischen alle im Rahmen dieser Arbeit herangezogenen ca. 400 Belegstämme auf und verweist auf die entsprechenden Seiten im Text. Jedem Wort ist die normalisierte mittelhochdeutsche Form in Klammern nachgestellt. Der erschlossene bzw. in Rauh (1921a) dokumentierte Lautstand des Frankfurterischen ist in IPA-Notation eckig geklammert angegeben. Zur Transkription vgl. Abschnitt 7.5.3 ab S. 268 und zur phonetisch-phonologischen Gesamteinordnung vgl. Tabelle 58 auf S. 412. Ein expliziter Bezug auf eine Hauptperiode des Frankfurter Stadtdialekts ist mit einer entsprechenden hochgestellten Ziffer notiert: 0 (vor 1825), 1 (1825–1850), 2 (1850–1875), 3 (1875–1900), 4 (1900–1925), 5 (1925–1945), 6 (1945–1975) und 7 (nach 1975). Ein Lautwandel ist mit einem Pfeil angezeigt, wobei dieser jeweils zwischen den bezifferten Perioden stattfand. Fehlt die Ziffer, handelt es sich um den Lautstand der Periode 4. Das dunkle A des Frankfurterischen hatte in Hauptperiode 3 und davor den Lautwert von IPA-[ɔ]. In Hauptperiode 4 ist der Lautwert A-lastiger, was mit dem phonetisch-phonologisch motivierten Lautzeichen [ɑ] angezeigt ist.

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Kapitel 1: Der VokalJäger – Eine Übersicht

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Kapitel 4: Messphonetische Ergebnisse

Dieses Kapitel präsentiert die Ergebnisse der Anwendung der messphonetischen Algorithmen des VokalJägers auf das Hochdeutsche. Dazu wird das Kiel-Korpus of Read Speech exemplarisch mit dem VokalJäger messphonetisch untersucht und dokumentiert. Die Ergebnisse für die ersten beiden Formanten sind in Abbildung 56 auf S. 151 dargestellt und entsprechen dem für das Hochdeutsche Erwarteten. Die akustischen Größen des Hochdeutschen werden auch mit einer Referenzaufnahme der Kardinalvokale verglichen. Die mit dem VokalJäger gemessenen Muster für das Hochdeutsche decken sich mit denen von Vergleichsmessungen (Abschnitt 4.6.4 ab S. 159). Im Ergebnis ist somit der VokalJäger phonetisch auf das Hochdeutsche kalibriert, was eine Voraussetzung für die nachfolgenden Klassiffikationsschritte ist. Die hier gewonnenen Statistiken, insbesondere für die Formanten, sind der hochdeutsche Eichpunkt für die Untersuchung von dialektalen Tondokumenten und deswegen ausführlich in Tabellen und Diagrammen dokumentiert (Abschnitt 4.6.1 ab S. 150).

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Aus Kapitel 7: Zu den Lautsymbolen

Hier werden die verwendeten phonetischen Transkriptionsregeln dokumentiert, wie sie u.a. in dem Kleinen Historischen Aussprachewörterbuch Anwendung finden. Ebenso finden sich beigeordnet und zum Vergleich die Lautzeichen, die Oppel, Wülcker und Rauh jeweils in ihren Arbeiten verwendet haben.

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