Die Vokale

(Man beachte auch die Einführung zur Lautschrift im übergeordneten Menüeintrag Laute).

Die wichtigsten und wesentlichen Merkmale des Frankfurter Dialekts liegen in den Vokalen. So soll hier das Frankfurter Vokalinventar an den Anfang gestellt werden. Falls nicht anders angegeben, handelt es sich um den in Rauh (1921a) dokumentierten Lautstand für Frankfurt um 1920. Weitergehende Details und Erläuterungen zu den Frankfurter Vokalen finden sich in Keil (2017, S. 231-426).

Die langen Vokale

Zunächst wird eine Übersicht über die langen Vokale des Frankfurterischen gegeben. Dazu muss man sich das Vokalinventar der hochdeutschen langen Vokale in Erinnerung rufen. Es ist in folgendem Schaubild in der üblichen Form dargestellt [Mangold 2005]:

Nun folgen die langen Vokale des Frankfurterischen [Keil 2017, Tab. 58, S. 412]:

 

Was fällt auf?

  1. Das Langvokalsystem ist sehr ähnlich: Beide Systeme haben vier sogenannte Öffnungsstufen, also vier unterschiedliche Grade der Mundöffnung. Aber es gibt doch einige Unterschiede.
  2. Dem Frankfurterischen fehlen die langen Umlaute Ü und Ö, also [yː/øː] bzw. [üü/öö]. Das Frankfurterische kennt keine der sogenannten runden Vorderzungenvokale, es ist, wie die Germanisten sagen, entrundet. Der Deutsche spricht spülen als [ʃpy:lən] bzw. [schpüülen] aus. Der Frankfurter kannte kein Ü und sagte [ʃpi:lə] bzw. [schpiile] – in diesem Beispiel sprach der Frankfurter auch kein N am Wortende und das E ist unbetont und schwach, was mit dem Zeichen [ə] bzw. einem [e] angezeigt wird.
  3. Die Frankfurter Mundart hatte mit dem Laut [ɑː] bzw. [åå] einen zusätzlichen A-Laut, das lange dunkle A. Dieses dunkle A wurde oft als ein Mittellaut zwischen A und O beschrieben und weicht deutlich vom sonst üblichen neutralen A, also [a], ab. Oft wird es auch als ein velares A oder ein verdumpftes A bezeichnet. Das Deutsche kennt das dunkle A nicht, weshalb wir hier in der Umschrift das neue Zeichen [å], also ein A mit einem übergesetzten O, schreiben (was übrigens das Zeichen der alten Teuthonista-Lautschrift ist). Oppel vergab die Vokalnummer 11 für das dunkle A, das neutrale A erhielt die Nummer 1. Der Deutsche spricht sagen mit [zaːgən] bzw. [saagen], verwendet also langes neutrales [aː]. Der Frankfurter hingegen sprach [sɑːxə] bzw. [sååche] mit deutlich dunklerem A (in diesem Beispiel ist S auch stimmlos, aus dem G wird ein CH, das N am Wortende entfällt und das E davor ist ganz schwach). Man beachte, dass das Frankfurter Langvokalsystem durch den Laut des dunklen A symmetrisch wird, das hochdeutsche ist es nicht.
  4. Der Lautwert des frankfurterischen dunklen A war nicht konstant, was mit dem Pfeil in obigem Diagramm angezeigt wird. Man kann annehmen, dass es im 19. Jahrhundert deutlich dunkler und O-ähnlicher war, was mit dem Lautsymbol [ɔ] bzw. [ǫ] offenes O – angezeigt wird [Keil 2017, S. 309-310 und S. 319-320].
  5. Der Lautwert des frankfurterischen langen neutralen A, des [aː], war ebenso nicht konstant. Im frühen und mittleren 19. Jahrhundert wurde der Laut palatal, also leicht Ä-ähnlich gesprochen – dieser feine Unterschied wird hier mit der Pseudo-IPA-Schreibweise [ạ] für das palatale A angezeigt – genauso in der einfachen Umschrift: [ạ].  Der unterschiedliche Klang zeigt sich beispielsweise bei Oppel, der die Vokalnummer 2 für das palatale A wählte. Wichtig: Obwohl dieser A-Laut Ä-ähnlich klang, war er deutlich vom echten langen Ä, dem [ɛː] bzw. [ää], unterschieden. Dass er nie echtes Ä war, wird auch wieder durch Oppel bezeugt: Seine Nummer für Ä ist die 3, welche er nie in diesem Zusammenhang nutzte [Keil 2017, S. 351-360].  Die Ä-Ähnlichkeit verleitete frühe Frankfurter Mundartdichter zu der Schreibung dieses Lauts mit einem „Ä“-Zeichen.  Dies wiederum verführte Frankfurter des 20. Jahrhunderts, als das originäre palatale A nur noch bei sehr alten Menschen gehört werden konnte, auch tatsächlich ein echtes Ä zu sprechen, was natürlich falsch ist:

    Viele Mundartleser, darunter selbst Frankfurter, wurden durch die ää-Schreibung dazu verführt […], ein ä zu sprechen, wie es in schriftsprachlichen Fällen wie Gräber oder Läden vorliegt. Sie glaubten dies mit umso größerer Berechtigung zu tun, als man Fr[iedrich] Stoltze als einen Richter in mundartlichen Dingen und seine Sprache als die einzig richtige Frankfurter Mundart ansah. In Wirklichkeit aber wissen solche Leute nicht […], daß selbst zu Stoltzes Zeiten dieses ää nicht als ein ä ausgesprochen wurde, sondern als ein helles langes a, ähnlich dem französischen hellen a in Paris [Rauh 1939, S. 634].

 

Die kurzen Vokale

Zuerst sollen wieder die Laute des Hochdeutschen nach Mangold (2005) dargestellt werden:

Es folgen die Laute des Frankfurter Stadtdialekts [Keil 2017, Tab. 58, S. 412]:

Was fällt auf?

  1. Im Kurzvokalsystem sind die Unterschiede fundamentaler: Das hochdeutsche System hat nur drei Öffnungsstufen, das Frankfurterische hingegen weist, wie viele deutsche Dialekte, vier auf. Der Germanist sagt: Das Frankfurterische hat sein altes vierstufiges Kurzvokalsystem bewahrt. Was bedeutet das? Der Deutsche spricht die kurzen I, U, E und O-Laute offen und tendenziell mit weniger Muskelspannung, was sich auch in den IPA-Zeichen für diese Laute zeigt, die allesamt von denen ihrer langen Partner abweichen: [ɪ], [ʊ], [ɛ] und [ɔ] bzw. in der einfachen Umschrift  [i], [u], [ä] und [ǫ]. Der Frankfurter hingegen sprach diese kurzen Vokale geschlossen mit Spannung, also [i], [u], [e] und [o] bzw. in der einfachen Umschrift  [i], [u], [ẹ] und [o] (die einfache Umschrift gibt nicht alle feinen Unterschiede wieder – wichtig für den Dialekt ist die Unterscheidung zwischen offenem E, [ɛ] bzw. [ä], und geschlossenem E, [e] bzw. [ẹ], sowie zwischen offenem O, [ɔ] bzw. [ǫ], und geschlossenem O, [o] bzw. [o]).  Schnupfen lautet z.B. im Hochdeutschen [ʃnʊpfən] bzw. [schnupfen]. Auf Frankfurterisch hieß es hingegen [ʃnubə] bzw. [schnubbe] mit einem leicht geschlosseneren U (und einem B anstatt deutschem PF).
  2. Die Frankfurter Mundart kennt kein kurzes Ü und Ö und ebenso kein langes Ü und Ö.
  3. Genauso wie bei den langen Vokalen taucht wieder ein dunkles A, [ɑ] bzw. [å], auf, diesmal entsprechend kurz. Man beachte, dass hier, setzt man den Lautwert des offenen O, also [ɔ] bzw. [ǫ], an, kein systemischer Unterschied zum Hochdeutschen vorliegt.

 

Die Diphthonge

Bei den Diphthongen („Zweiklänge“) sind die Unterschiede zwischen dem Hochdeutschen nach Mangold (2005)

und dem Frankfurter Dialekt wesentlich geringer [Keil 2017, Tab. 58, S. 412]:

Zu vermerken bleibt:

  1. Die erste Komponente in hochdeutschem EU ist im Frankfurterischen geschlossenes O, also [oɪ] bzw. [oi], im Hochdeutschen dagegen offenes O, also [ɔʏ] bzw. [ǫü]. 
  2. Die zweite Komponente ist für alle drei Diphthonge immer offenes I, also [ɪ], bzw. offenes U, also [ʊ]. Das ist identisch zum Hochdeutschen bis auf EU, wo die hochdeutsche Aussprache eine leichte Ü-Färbung hat, die es so natürlich im entrundeten Frankfurter Stadtdialekt nicht geben kann.
  3. Interessanter ist ein zweiter Unterschied: Manche EU wurden wohl am Ende des 18. Jahrhunderts mit einem A in der ersten Komponente gesprochen, also [aɪ] anstatt [oɪ]. Der Teufel ist z.B. im Hochdeutschen der [tɔʏfəl] bzw. [tǫüfel], auf Frankfurterisch war es aber um 1920 noch der [daɪvḷ] bzw. [daiwl] – also eine Form mit einem deutlichen A. Andere A-Formen waren schon um 1840 ausgestorben, kommen aber in der ältesten Frankfurter Mundartdichtung, insbesondere bei Carl Malß, noch vor.

 

Die Allophone und die Schwa-Vokale

Das Frankfurterische – wie viele andere Dialekte und auch das Hochdeutsche – kennt einen Zoo von Vokalen, die nur in bestimmten Konstellationen vorkommen. Man spricht von Allophonen, denn die Klangfarbe des Vokals ändert sich nur durch den folgenden Konsonanten oder die Stellung im Wort. Die bisher beschriebenen Lautbilder bezogen sich auf den Regelfall, auf die sogenannte Normalposition des betonten Vokals. Die im Folgenden aufgeführten Vokale treten nur in der Stellung vor R oder N auf oder sind unbetont:

 

Zum einen sind da die unbetonten Vokale, also nur schwach oder gehaucht ausgesprochene Laute. Der Sprachwissenschaftler nennt sie die Schwa-Vokale oder Schwas. Hier werden sie alle mit kleinen hochgestellten Buchstaben umschrieben:

  1. Das E-Schwa, hier: [ə] bzw. [e], ist ein unbetontes E am Ende des Wortes, wie z.B. am Ende in Frankfurterisch für Schnupfen: [ʃnubə] bzw. [schnubbe].  Im Frankfurterischen entsteht es insbesondere, wenn das End-N des Hochdeutschen abfällt.
  2. Das A-Schwa, hier:  (vereinfacht) [ɐ] bzw. [a], ist ein unbetontes A, welches in der Frankfurter Mundart aus einem R nach einem Vokal entstanden ist, z.B. in Wurst, [vɔɐʃt] bzw. [wǫ(a)schtt]. Der Frankfurter sprach also kein R in Wurst, sondern stattdessen ein leichtes schwaches A. Das A-Schwa war durchgängig nach kurzen Vokalen, wie hier in Wurst, wurde aber nach langen Vokalen ab 1920 zunehmend verschluckt.
  3. Ein „-er“ am Ende eines Wortes wurde im Frankfurter Dialekt zu einem unbetonten überkurzen, doch deutlich überoffenen Ä (anders als im Deutschen, wo manchmal ein schwaches aber ebenso deutliches A auftritt). Das Zeichen ist (vereinfacht) [æ] bzw. [ä]. Ein Beispiel ist älter, was als [eldæ] bzw. [elldä] gesprochen wurde.

Dann folgt eine ganze Reihe von Vokalen, die nur vor R auftreten:

  1. Ein „-er-“ in der Mitte oder am Anfang eines Wortes wird im Frankfurterischen zu einem kräftigen überoffenen Ä, das sehr deutlich und mit offenem Mund gesprochen wird. Das Zeichen ist [æː] bzw. [ää] (lang) und [æ] bzw. [ä] (kurz). Ein Beispiel ist der Bär auf Frankfurterisch mit [bæːæ] bzw. [bää-ä].
  2. In vereinzelten Wörtern trat in der Spätphase des Frankfurter Stadtdialekts, etwa 1920-1945, eine Verschiebung von O und U vor R zu A auf. Das hier auftretende A war das helle palatisierte A, also [ạ] bzw. [ạ]. Ein Beispiel ist abermals Wurst, das sich zu [vạʃt] bzw. [wạschtt] entwickelte (man beachte den Unterschied in diesem Wort: O bis etwa 1920, danach zunehmend A).
  3. Ein langes O vor R am Wortende nahm eine Zwischenstellung zwischen offenem O und geschlossenem O ein. Das Lautzeichen ist leicht geöffnetes geschlossenes O (ohne offenes O zu werden), hier als Pseudo-IPA mit einem [ǫː] markiert – ebenso in der einfachen Umschrift mit [ǫǫ]: Beispiel ist Tor mit [dǫːɐ] bzw. [dǫǫ(a)].
  4. Ein O oder U vor R und einem weiteren Konsonanten wurde zu offenem O, also [ɔ] bzw. [ǫ], z.B. in Wurst, [vɔɐʃt] bzw. [wǫ(a)schtt].

Abschließend sei noch der Einfluss von N beschrieben:

  1. Langes A vor N wurde stark nasaliert, also: das N verschwindet und das A wird dafür durch die Nase gesprochen. Der entstandene Laut war dem langen dunklen A, [ɑː] bzw. [åː], ähnlich, aber eben nasaliert – ganz ähnlich dem Französischen, wenn auch nicht so ausgeprägt. Dieser Laut soll hier im Text vereinfacht mit [ãː] bzw. [åå(n)] geschrieben werden. Beispiel ist Bein im Frankfurter Stadtdialekt mit [bãː] bzw. [båå(n)].

Weiter zu: Die Konsonanten
Zurück zur Startseite
Das wissenschaftliche Buch zum Frankfurter Stadtdialekt: Der VokalJäger (Deutsche Dialektgeographie, Band 122)