Die Entrundung der Ü und Ö

Die nächste für das Frankfurterische prägende Lautgruppe ist die der hochdeutschen Ü und Ö: Diese Umlaute gibt es Frankfurter Stadtdialekt nicht [Rauh 1921a, §§108, 118, 130; Keil 2017, S. 386–397].

Der Vokal ü (7) kommt nur in der von Kutschern (als Zuruf an die Pferde) gebrauchten Interj[ektion] hüh vor, sonst nirgends in unserem Dialekt [Oppel 1839-1894, Faszikel I, S. 102; die (7) ist Oppels Vokalnummer für das Ü].

Die Frankfurter Mundart ist ein sogenannter entrundeter Dialekt. An die Stelle gerundeten Vorderzungenvokale, der Ü und Ö, sind ihre entrundeten Partner getreten, die I und Ö. Wo das Hochdeutsche also ein Ü oder Ö sprach der Frankfurter durchgehend geschlossenes I bzw. E.

Im Hochdeutschen wird z. B. die Brücke mit einem Ü als [brʏkə] bzw. [brükke] formuliert. Der Frankfurter Dialekt hatte an dieser Stelle aber ein I. Entsprechend lautete Brücke auf Frankfurterisch [prik] bzw. [prikk] (man beachte auch die Verhärtung des Anlauts von B zu P). Die Löcher haben hochdeutsch ein Ö, als [lœxɐ] bzw. [löcha]. In der Frankfurter Mundart ist das Ö in Löcher verschwunden und es erscheint ein E, also [leʒæ] bzw. [leschä] (man beachte außerdem, dass das CH durch ein schwaches Lenis-SCH ersetzt wurde, sowie das abschließende -ER durch ein ein deutliches Ä).

Im Frankfurter Lautdenkmal von 1937 kann man sich ein paar schöne Belege anhören:

  • Für Ü: Brüder, frankfurterisch [priːdæ] bzw. [priidä]; im Lautdenkmal:
    . Stücke in Kunststücke, frankfurterisch [kunstʃtigæ] bzw. [kunnstschtiggä] (man beachte auch den Frankfurter -ER Plural von Stücke: Stücker); im Lautdenkmal:
    . Über in vorüber, frankfurterisch [forivæ] bzw. [forriwwä]; im Lautdenkmal:
    . Gemütlichen, frankfurterisch [gəmiːtliʒə] bzw. [gemiitlische]; im Lautdenkmal:
    .
  • Für Ö: Köpfe, frankfurterisch [kep] bzw. [kepp]; im Lautdenkmal:
    . Können und könnte, frankfurterisch [kenə/kentə] bzw. [kenne/kennte]; im Lautdenkmal:
    . Am größten, frankfurterisch [kreːstə] bzw. [kreeste]; im Lautdenkmal:
    .

 

Sprachwandel und Rückgang der Entrundung

Während ursprünglich, etwa im 19. Jahrhundert, die Ü und Ö ausschließlich als I und E gesprochen wurden, änderte sich das im Lauf der Zeit. Ausgehend von hochsprachlichen Begriffen verschwanden die deutlichen I- und E-Laute. An ihre Stelle traten Vokale, die zwischen I und Ü bzw. zwischen E und Ö lagen. Auch im Frankfurter Lautdenkmal sind die entrundeten Ü und Ö nicht immer reine I und E. Phonetisch-algorithmische Messungen mit der Methode des VokalJägers zeigen in jüngeren Dialektproben teilweise ein vollständiges Verschwinden der Entrundung: Im Neu-Frankfurterischen sind Ü und Ö durchweg wieder häufig. Der Dialekt ist nicht mehr so entrundet, wie er es einstmals war.

  • Das natürlich im Frankfurter Lautdenkmal von 1937 erscheint z. B. mit einem Laut der mehr zum Ü als zum I neigt, ohne schon reines Ü zu sein. Frankfurterisch wäre ein [nɑ:diːɐliʃ] bzw. [nåådiialisch] mit reinem langen I zu erwarten; im Lautdenkmal:
    .

 

Die Brechung der Ü und Ö vor R

Da nun im Frankfurterischen die Ü und Ö als I und E erscheinen, gelten für dieselben Regeln wie für I und E, falls sie vor R auftreten: Das R ‚bricht‘ die Vokal I und E  – bzw. hier Ü und Ö – zu einem offenen Ä. Ein Beispiel ist die Bürste, die auf Frankfurterisch die [bææʃt] bzw. [bä(a)scht] war.

  • Der Bürgerkrieg und Bürgermeister der im Frankfurter Lautdenkmal von 1937 haben diesen deutlichen Ä-Laut. Frankfurterisch ist der Bürger ein [bæːɐjæ] bzw. [bää(a)jä]; im Lautdenkmal:
    (man beachte auch das AA anstelle des EI in Meister, das Ersetzen des G durch ein J im Inneren von Bürger und durch ein SCH am Ende von Krieg).

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Das wissenschaftliche Buch zum Frankfurter Stadtdialekt: Der VokalJäger (Deutsche Dialektgeographie, Band 122)