Die E-Laute

Eine weitere für die Frankfurter Aussprache wichtige Lautgruppe ist die der E- bzw. Ä-Laute. Ganz am Anfang soll ebenso wie bei den A-Lauten eine Übersicht stehen, die den Zusammenhang zwischen den hochdeutschen und den frankfurterischen E/Ä-Lauten zeigt (jeweils in der linken bzw. rechten Spalte; der linke Block beschreibt die Aussprache in IPA-Lautschrift, der rechte in der einfachen Umschrift) [Siebs 1912, S. 39–45; Mangold 2005 S. 34–107].

E-Laute des Frankfurterischen

 

Das lange E und das lange Ä

Das Hochdeutsche kennt zwei lange E/Ä-Laute, einmal das geschlossene lange E, [eː] bzw. [ẹẹ], wie z. B. in Regen, also [reːgən] bzw. [rẹẹgn] oder in Schnee, also [ʃneː] bzw. [schnẹẹ]. Der zweite ist das lange offene Ä, [ɛː] bzw. [ää], wie z. B. in blähen, [blɛːən] bzw. [blääen], oder in Gräber, [grɛːbɐ]. bzw. [grääba] . Das frankfurterische Vokalinventar kennt ebenso langes geschlossenes E und langes offenes Ä, aber es gibt noch einen weiteren langen Ä-Laut: das lange überoffene Ä, [æː] bzw. [ää], das nur vor R vorkam. Dieser Abschnitt handelt von den ersten beiden Lauten, der überoffene Ä wird in einem separaten Absatz beschrieben.

Das Interessante ist nun, dass die Frankfurter Stadtmundart zwar dieselben langen E/Ä-Laute wie das Hochdeutsche sprach, doch mit abweichender Verteilung! Schnee und Gräber klangen, auf das E bzw. Ä bezogen, gleich, nämlich: [ʃneː] bzw. [schnẹẹ] und [kʀɛːvæ] bzw. [krääwä]. Aber die beiden anderen Wörter waren in ihrem Lautbild gerade vertauscht: blähen hatte geschlossenes E und kein offenes Ä wie im Hochdeutschen (und übrigens auch mit einen J-Gleitlaut [ȷ]), also  [ple:ȷə] bzw. [plẹẹje]. Regen hingegen sprach man  mit offenem Ä und nicht mit geschlossenem E aus, also [ʀɛːʒə] bzw. [rääsche].

Warum? Der Schlüssel liegt in den sogenannten Altlauten, also jenen Lauten, die den heutigen Vokalen ursprünglich zugrunde liegen. Das Germanische kannte nur wenige Worte mit E, das A war wesentlich häufiger. Regen und Weg sind Beispiele dafür – deren erschlossen-germanische Formen waren nach Köbler (2014) wohl *regnaz und *wegaz. Die Frankfurter Mundart sprach für dieses sogenannte germanische E – im normalisierten Mittelhochdeutschen steht dafür das Zeichen ë – immer den offenen Ä-Laut. So hieß es entsprechend frankfurterisch eben [ʀɛːʒə] bzw. [rääsche] für Regen und [vɛːʃ] bzw. [wääsch] für Weg, was insbesondere bezüglich der Ä-Laute nun deutlich von der hochdeutschen Aussprache abweicht.

Ähnlich aber umgekehrt ist die Situation bei den Umlauten in blähen und Gräber. Hier ist die Frage, die man sich stellen muss um zu erfahren, ob der Frankfurter langes geschlossenes E oder langes offenes Ä verwendete: Was für ein A wurde hier umgelautet? Liegt Umlaut eines altlangen A vor – im normalisierten Mittelhochdeutschen zeigt man dem Zeichen æ den Umlaut des altlangen â an –, war die Frankfurter Aussprache geschlossenes E, also [eː] bzw. [ẹẹ] (siehe auch den Eintrag zum altlangen A auf dieser Webseite). Das ist der Fall in dem Wort blähen. Im Althochdeutschen lautete es noch plâjan, mittelhochdeutsch dann blæjen [DWB]. In der Frankfurter Stadtmundart hörte man entsprechend [ple:ȷə] bzw. [plẹẹje] mit geschlossenem E. Gräber geht hingegen auf ein altes Dehnungs-A im Verb graben zurück. Abweichend hatte das Frankfurterische an dieser Stelle genauso wie das Hochdeutsche ein offenes Ä: [kʀɛːvæ] bzw. [krääwä].

 

Das kurze E, das kurze Ä und der Primärumlaut

Hochdeutsche kurze E werden (in der Regel) wie ein Ä gesprochen, sie sind kurzes offenes E mit dem Lautzeichen [ɛ] bzw. [ä]. Für die Aussprache ist es gleich, ob man ein Ä oder E als Buchstaben schreibt, der Lautwert ist derselbe. So lauten älter und Bett  im Deutschen [ɛltɐ] bzw. [ällta] und [bɛt] bzw. [bätt]; die Äpfel sind [ɛpfəl] bzw. [äppfl] – überall derselbe Ä-ähnliche Laut.

In manchen Fremdwörtern kommt in der deutschen Hochsprache auch kurzes geschlossenes E vor, so etwa in General, also [genəral] bzw. [gẹnnerrall] – was aber eher selten ist. Das Lautzeichen ist [e] bzw. [ẹ].

Das Frankfurterische hingegen hatte regelmäßig in bestimmten Wörtern kurzes geschlossenes E, also mit dem Zeichen [e], wie z. B. in älter, [eldæ] bzw. [ẹlldä], oder Bett, [bet] bzw. [bẹtt]. Damit wich die Aussprache vom Hochdeutschen ab: Ist das Hochdeutsche her für kurze E/Ä mehr zum Ä geneigt war der Frankfurter Dialekt näher am E. In anderen Wörtern tauchte hingegen derselbe Ä-Laut wie im Hochdeutschen auf, z. B. in Äpfel mit [ɛbḷ] bzw. [äbbl].

Die Erklärung liegt wieder im Alter des Vokals bzw. Umlauts. Ist es ein alter kurzer Umlaut – ein sogenannter alter Primärumlaut – sprach der Frankfurter immer geschlossenes E: Das ist der Fall in in den Wörtern älter und Bett. Ist der Umlaut jünger – also ein sogenannter Sekundärumlaut – verwandte die Frankfurter Stadtmundart ein offenes E: In diese Klasse fällt das Wort Äpfel .

Es ist allerdings unklar, ob die hier beschriebene Regel ausschließlich bzw. immer gegolten hat. Sie wurde von Rauh so als kanonisch dokumentiert, doch finden sich in Oppels Aufzeichnungen zahlreiche Abweichungen. Oppel notierte z. B. für Bett den Vokal mit der Nummer 3. Das entspricht aber einem [bɛt] bzw. [bätt] und scheint näher an der hochdeutschen Lautung als der von Rauh für das Frankfurterische niedergeschriebenen [Rauh 1921a, §§97–98; Keil 2017, S. 409–415]. Aufschluss kann nur die noch ausstehende Volluntersuchung Oppels Materials geben.

 

Lautwandel und Reliktwörter

Das Frankfurterische bewahrte also in seinen langen sowie kurzen E- und Ä-Lauten einen alten Lautstand, der von der hochdeutschen Normaussprache abweichen konnte. Diesen Konflikt löste die Frankfurter Stadtmundart auf, indem sie ab etwa 1925 zunehmend die hochsprachlichen Vokale verwendete [Rauh 1921a, S. 27 f.]. Aus dem altfrankfurterischen [vɛːʃ] bzw. [wääsch] für Weg wurde somit dann ein [veːʃ] bzw. [wẹẹsch]; aus altem [bet] bzw. [bẹtt] dann ein [bɛt] bzw. [bätt].

Ausgenommen von dieser Entwicklung waren sogenannte Reliktwörter, die sich von der hochdeutschen Entwicklung abgekoppelt hatten und in denen die ursprüngliche Aussprache ‚eingefroren‘ wurde. Ein Beispiel ist das Wort gelb, hochdeutsch mit kurzem Ä-Laut, also [gɛlp] bzw. [gällp]. Im Frankfurterischen lautete es durchgehend [gɛːl] bzw. [gääl], deutlich abweichend mit einem langen Ä-Laut und ohne den abschließenden Verschluss P (der Grund für das lange Ä ist natürlich hier das zugrundeliegende germanische E).

 

Die Öffnung der E und Ä sowie Brechung der Ü und I vor R

Ein deutliches Merkmal des Frankfurterischen ist das Verhalten von Vokalen vor R: Sie wurden ,geöffnet’, also mit ersichtlich offenerem Mund im Vergleich zum Hochdeutschen gesprochen: E-Laute klangen viel mehr nach Ä als E und auch das ‚normale‘ Ä war weniger offen im Vergleich. Dieser Laut vor R war ein überoffenes Ä, was hier mit dem Lautzeichen [æ] bzw. [Ä] angezeigt wird. Die Öffnung betraf sowohl kurze als auch lange Vokale. Beispiele sind Herz mit [hæɐds] bzw. [hä(a)ds] und Bär mit [bæːæ] bzw. [bää-ä].

Die Öffnung vor R zu Ä betraf auch kurze I. Hier spricht man dann von einer ‚Brechung‘ des I oder einem ‚gebrochenen‘ I. Ein Beispiel ist der Wirt, der im Frankfurter Dialekt als [væɐt] bzw. [wä(a)tt] gesprochen wurde – im Deutschen steht hier ein I: [vɪɐt] bzw. [wi(a)tt]. Lange I hingegen waren ‚robust‘ gegen das R, und das I blieb erhalten, wie z. B. in dir mit [diːɐ] bzw. [dii(a)].

Da die Frankfurter Stadtmundart ein entrundeter Dialekt war, erschienen alle Ü als I. Entsprechend wurden auch die Ü zu einem Ä ‚gebrochen‘ (vgl. den Eintrag zur Entrundung).

Ein -er am Wortende klang in der Frankfurter Mundart auch wesentlich mehr nach Ä als nach dem schwachen A-ähnlichen Laut im Hochdeutschen (genauer: dem vokalisierten R an dieser Stelle). Ein Beispiel ist ist älter, was als [eldæ] bzw. [ẹlldä] gesprochen wurde. Der Laut war hier überoffenes aber nun überkurzes Ä, was mit dem Zeichen [æ] bzw. [ä] wiedergegeben wird.

 

Das E vor N

Durchweg wurde im Frankfurterischen ein E oder Ä vor N immer mit einem geschlossenem E, also [e] bzw. [ẹ] gesprochen. Beispiele sind z. B. der Plural in Kränze mit [kʀends] bzw. [krẹnnds] oder die Frankfurter Diminutive von Pflanze, frankfurterisch Plänsi (das ist: Pflänzchen), und Gans, frankfurterisch Gänsi (das ist: Gänschen), mit [plenziː] bzw. [plẹnnsii] und [genziː] bzw. [gennsii].

Genauso war geschlossenes E in Mensch mit [mendʃ] bzw. [mẹnndsch] oder besser mit [bezæ] bzw. [bẹssä] (was aber erwartet ist, da hier Primärumlaut vorliegt; vgl. vorheriger Absatz).

Anders als die weiter oben beschriebene Regel zum Primärumlaut, erscheint das Muster von E vor N belastbar. Es wird durchweg von Oppel bestätigt: Er nutzt immer die Vokalnummer 4, die für geschlossenes E steht [Rauh 1921a, §§97–98; Keil 2017, S. 409–415].

 

Das A vor SCH oder der SCH-Umlaut des Frankfurterischen

Geht man in die alten Frankfurter Urkunden des späten Mittelalters, findet man im Zeitraum von 1300 bis 1500 sehr häufig E-Schreibungen für Wörter, die im Hochdeutschen ein A vor SCH haben. Beispiel ist z. B. fleschen für Flaschen, Tessche für Tasche oder wesschen für waschen [Wülcker 1877, S. 17]. Das SCH hat das A zu einem E bzw. Ä umgelautet – ein in dieser Zeit für das Westmitteldeutsche fast „regelmäßiges” Phänomen [Moser 1929, S. 92].

Im Frankfurterischen des 19. und 20. Jahrhunderts war der SCH-Umlaut wesentlich seltener geworden: Die Tasche sprach man nun als [daʃ] bzw. [dasch] und nicht mehr als [*dɛʃ] bzw. [*däsch]. Übriggeblieben war der Umlaut von waschen: hier hieß es durchweg [vɛʒə] bzw. [wäsche] – ganz gleich dem hochdeutschen Wäsche, was frankfurterisch [vɛʃ] bzw. [wäsch] lautete.

Bemerkenswert ist die Flexionsform du sagst. Hier hatte das Frankfurterische einen SCH-Laut anstelle des hochdeutschen „-gst”. Entsprechend wurde das A umgelautet und es hieß [sɛːʃst] bzw. [sääschst]. Man beachte, dass das Ä lang war. Erst ab etwa 1925 setzte sich mit [sɛʃst] bzw. [säschstt] eine Aussprache mit kurzem Ä durch [Rauh 1921a, §207].


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