Einführung

Die Webseite frankfurterisch.org soll eine genaue Beschreibung des historischen Frankfurterisch bzw. des ehemaligen Frankfurter Stadtdialekts liefern, so wie er etwa von 1800 bis 1945 in der Frankfurt am Main gesprochen wurde. Hier finden sich auch Tonproben, die dem  Lautdenkmal reichsdeutscher Mundarten aus Frankfurt von 1937 entnommen wurden [Purschke 2014 f.].  So kann die nun untergegangene Frankfurter Mundart im Original angehört werden.

Der Text baut auf meiner Dissertation Carsten Keil (2017): Der VokalJäger. Eine phonetisch-algorithmische Methode zur Vokaluntersuchung. Exemplarisch angewendet auf historische Tondokumente der Frankfurter Stadtmundart auf, die nun in Buchform als Band 122 in der Deutschen Dialektgeographie im Georg Olms Verlag erschienen ist. Dort finden sich auch Details und Belege, die weit über das hinausgehen, was auf dieser Webseite dargestellt ist.

 

Inhalt

Einführung in das Frankfurterische
Tondokumente
Die Laute
Lautlehre
Der VokalJäger (Deutsche Dialektgeographie, Band 122)
Historisches Frankfurter Aussprachewörterbuch (FAWB)
Anhänge
Impressum und Kontakt

Frankfurterisch: Eine Definition

Was ist Frankfurterisch? Frankfurterisch, oder hier völlig gleichbedeutend: Mundart bzw. Dialekt der Stadt Frankfurt am Main, Frankfurter Stadtmundart usw., ist eine dialektale Varietät, wie sie in Frankfurt bis etwa 1945 und insbesondere um 1920 herum gesprochen wurde. An anderer Stelle definiere ich:

Frankfurterisch sei die rheinfränkische Varietät der Kleinbürger und Arbeiter, die einzig in der Stadt Frankfurt gesprochen wird [Keil 2017, S. 238].

Nun. Was ist damit gemeint? Da ist zum einen der Bezug auf den Dialekt des Rheinfränkischen. Frankfurt liegt geographisch in einem dialektalen Übergangsgebiet zwischen dem südlichen Rheinfränkischen, zu dem insbesondere das Südhessische um Darmstadt gehört, und dem nördlichen Gebiet des Taunus und der Wetterau, in dem Hessisch gesprochen wird, genauer: Zentralhessisch [Born 1938; Alles 1953; Schnellbacher 1963]. Das nördliche Hessisch war einst bis kurz unterhalb Frankfurts verbreitet, etwa in Dreieich [Born 1938]. Auch die Frankfurter Vororte Oberrad, Bornheim, Bockenheim, Eschersheim usw. sprachen im 19. Jahrhundert, mit unterschiedlicher Durchdringung, noch deutlich hessisch geprägt [Freiling 1924; Freiling 1925; Rauh 1921a; Rauh 1921b]. Frankfurt allerdings sprach Rheinfränkisch – Frankfurt war eine rheinfränkische Sprachinsel in zentralhessischem Gebiet.

Zum anderen trat Frankfurterisch als Stadtmundart mit erheblichen Varietäten innerhalb der Stadt auf. Der Stadtteil Sachsenhausen war noch 1920 hessisch geprägt und die Oberschicht neigte sich mit ihrem vornehm Frankfurterisch eher dem Hochdeutschen zu. So ist es wichtig, auf die Träger der Mundart zu verweisen, die Kleinbürger und Arbeiter, und den geographischen Bezug einzufordern:

Nur, solange die am Ort Frankfurt gesprochene rheinfränkische Varietät distinktiv zu ihrer zentralhessischen Umgebungsvarietät ist und der Ort Frankfurt ausschließlich Repräsentant dieser Varietät ist, soll von Frankfurterisch die Rede sein [Keil 2017, S. 239].

In dieser Definition starb das Frankfurterische um 1945 aus. Heute ist die in Frankfurt gesprochene Varietät ein regionaler Ausgleichsdialekt, der als Neu-Hessisch oder RMV-Hessisch bezeichnet wird [Dingeldein 2007]. Es gibt gegenwärtig keine scharfe Grenze mehr zwischen der Sprache Frankfurts und der der Umgebung: Es existiert also keine rheinfränkische Mundart mehr, die einzig in Frankfurt gesprochen wird.

Hans Ludwig Rauh

Wenn nun das Frankfurterische 1945 ausgestorben ist, wie können wir es heute noch beschreiben? Es ist ein glücklicher Umstand, dass zum Frankfurter Stadtdialekt drei phonetisch-wissenschaftlich exakte Bestandsaufnahmen existieren sowie im Rahmen des Frankfurter Wörterbuchs umfangreiches Material gesammelt wurde [Übersicht: Keil 2017, S. 233 ff.]

Den wichtigsten Beitrag lieferte Hans Ludwig Rauh (1892-1945) mit seiner Dissertation Die Lautlehre der Frankfurter Mundart von 1921, von der noch genau ein handschrifliches Exemplar existiert [Rauh 1921a]. Rauhs Text ist eine klassische Dialektgrammatik der Zeit, die das Frankfurterische der frühen 1920er-Jahre phonetisch in Teuthonista-Lautschrift beschreibt und phonologisch gegen das Westgermanische verortet. Eine kurze Zusammenfassung der Dissertation wurde in der Einleitung zum Frankfurter Wörterbuch von 1988 abgedruckt [Rauh 1921b].

Der Lautstand der Frankfurter Mundart um 1920 ist der Eichpunkt dieser Webseite:

Frankfurterisch – im engeren Sinn – sei die von Rauh lautschriftlich belegte rheinfränkische Varietät der Kleinbürger und Arbeiter am Ort Frankfurt um 1920. Dies sei hier als klassisches Frankfurterisch, abgekürzt kFra, bezeichnet [Keil 2017, S. 238].

Auf Rauh geht der erste Versuch zurück, ein Frankfurter Wörterbuch (FWB) zu schaffen. In den späten 1930er- und frühen 1940er-Jahren sammelte er umfangreiche Belege zum Dialekt der Zeit. Sein ganzes Material, so es nicht im Krieg verbrannt ist, wurde im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (ISG) eingelagert [Rauh/Bodensohn 1939-1945].

Hervorzuheben ist der Beitrag Lauteigentuemlichkeiten des Frankfurter Stadtdialects im Mittelalter von Ernst Wülcker (1843-1895) aus dem Jahr 1877. Der eigentliche Fokus ist das Frankfurterische des Mittelalters, wie es sich aus Urkunden erschließt, doch finden sich in dem Artikel wichtige phonetische Belege der Mundart Ende des 19. Jahrhunderts.

Johann Joseph Oppel

Ein Kuriosum ist Johann Joseph Oppel (1815-1894). Dieser Schullehrer beschrieb ab 1839 ingesammt 88 Schreibhefte (sogenannte Faszikel zu je etwa 16 Seiten) mit Notizen zum Frankfurter Stadtdialekt, die heute im ISG liegen [Oppel 1839-1894]. Besonders wichtig und interessant ist, dass er kreativ eine orginäre Lautschrift schuf, mit der er den Vokalklang der Frankfurter Laute exakt niederschreiben konnte: Er nummerierte alle Frankfurter Vokale durch [Keil 2017, Tab. 26-27 und Abb. 89, S. 245 f.].  Damit haben wir eine weitere exakte Bestandsaufnahme des Frankfurterischen, diesmal aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Rauh verzettelte Oppels Hefte im Zuge seiner Arbeit am FWB, indem er sie auf Tausende von Notizzetteln übertrug, die heute ebenfalls im ISG eingelagert sind [Rauh/Bodensohn 1939-1945].

Das Frankfurter Wörterbuch

Das Frankfurter Wörterbuch (FWB) von 1988 ist ein soziolinguistisches Werk. Entsprechend wurden die phonetisch-phonologischen Aspekte beim Druck nicht in den Vordergrund gestellt und auch die phonetische Umschrift des FWB ist mit Vorsicht zu genießen. Der Herausgeber merkt dazu an:

Ein Problem besonderer Art stellt unser phonetischer Ansatz der Mundartlemmas dar. Er steht […] in eckigen Klammern, weist ihn also als von uns stammend aus und zwar nicht nur in seiner lautschriftlichen Wiedergabe […], sondern vornehmlich als subjektive Setzung auf Grund in aller Offenheit zweifelhaft zu nennender Kriterien [Brückner 1976, S. 116].

Dem FWB von 1988 fehlen leider alle phonetisch genauen Belege. Weder Rauhs Teuthonista-Transkriptionen noch Oppels Vokalnummern wurden aufgenommen, die Belege von Wülcker zum Frankfurterischen um 1875 fehlen vollständig.

Mit meiner Dissertation Keil (2017) versuche ich, die Lücke der fehlenden phonetischen Beschreibungen zu schließen und drucke zum ersten Mal eine Auswahl von mehr als 600 Belegen des Frankfurterischen im phonetisch-phonologischen Kontext. Die entsprechenden ca. 400 Wortstämme sind im Belegverzeichnis meiner Dissertation als kleines Aussprachewörterbuch zusammengefasst und hier auf frankfurterisch.org als PDF-Leseprobe veröffentlicht. Ebenfalls auf dieser Webseite findet das entstehende große multimediale Frankfurter Online-Aussprachewörterbuch.


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